|
| |
Elterninfo zum
Projekt
"Spielzeugfreier Kindergarten" |

|
Liebe Eltern,
in Ihrem Kindergarten soll das Projekt "Spielzeugfreier Kindergarten"
durchgeführt werden.
Das Projekt ist inzwischen in Deutschland und im benachbarten Ausland vielfach
erfolgreich durchgeführt und wissenschaftlich untersucht worden. Vieles an
diesem Projekt mag Ihnen am Anfang ungewöhnlich erscheinen, und es werden
sich sicher viele Fragen ergeben. Einige der erfahrungsgemäß häufigsten
Fragen sollen auf dieser Informationsseite angesprochen werden.
Kann denn Spielzeug Sünde sein (süchtig machen)?
Zeug
zum Spielen ist für Kinder sicher wichtig, kann die Kreativität fördern und
gehört selbstverständlich zu ihrer Lebenswelt. Eine Überhäufung mit
Spielzeug, Konsumgütern und Freizeitangeboten kann aber auch dazu führen, daß
Kinder zu wenig Gelegenheit haben, „zu sich zu kommen", ihre eigenen Bedürfnisse
zu spüren, ihre eigenen Ideen und Phantasien zu entwickeln.
Das
Projekt "Spielzeugfreier Kindergarten" richtet sich also nicht gegen
Spielzeug:
Die
Herausnahme des Spielzeugs und der Spielangebote von Erwachsenen für
einen bestimmten Zeitraum ist eine
Methode, eine
Situation zu schaffen, in der Kinder Erfahrungen mit ihren Möglichkeiten und
Grenzen machen können, in der sie sich im geschützten Rahmen des Kindergartens
„ausprobieren" können.
Was
hat das Projekt mit Suchtprävention zu tun?
Das Projekt kann Kindern einen Zeit-Raum
und einen Spiel-Raum schaffen, ihre Möglichkeiten und Grenzen zu erproben. Da
in dieser Zeit die Aktivitäten und Situationen konsequent von den Kindern
ausgehen, können sie die Funktion bestimmter „Lebenskompetenzen" (z.B.
Umgang mit Sprache, Beziehungsfähigkeit, verstärkte Wahrnehmung persönlicher
Bedürfnisse, Entwicklung von Selbstvertrauen usw.) als sinnvoll erleben und
weiterentwickeln. Dazu gehört es auch, einmal zu erleben, daß nicht alles
klappt, daß man Fehler macht, daß man auch einmal Frustrationen aushalten muß,
ohne daß diese gleich von Erwachsenen ausgeglichen werden. In der
Suchtforschung gibt es viele Hinweise darauf, daß Menschen, die vielfältige
Lebenskompetenzen entwickelt haben, die mit ihren Stärken und Schwächen
umgehen können, die Handlungsalternativen selbst entwickeln können, deutlich
weniger suchtgefährdet sind als Menschen, die dies nicht können.
Lebenskompetenzen sind „Schutzfaktoren" gegen Sucht.
Warum
dauert das Projekt 3 Monate?
Aus den Erfahrungen der zahlreichen
durchgeführten Projekte hat sich gezeigt, daß die Kinder und die Erwachsenen
viel Zeit brauchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Spielideen müssen
Zeit haben sich zu entwickeln. Oft war es so, daß die 3 Monate, die den
Erwachsenen vor dem Projekt als sehr langer Zeitraum erschien, viel zu schnell
vorbei waren, weil die Kinder noch so viele Ideen verwirklichen wollten (was sie
dann natürlich trotz des wieder vorhandenen Spielzeugs nach dem Projekt auch können).
Gibt
es während des Projektes keine Regeln und Grenzen?
Regeln und Grenzen sind zum
Zusammenleben unerläßlich. Auch in der spielzeugfreien Zeit können sie nicht
wegfallen. Wichtig ist es aber, daß auch den Kindern die Gelegenheit gegeben
wird, aus Situationen heraus Regeln und Grenzen selbst zu setzen, da sie dann
deren Sinn besser erfassen. Selbstverständlich ist aber auch die Erzieherin -
wie bisher - weiterhin verantwortlich in der Gruppe. Es gibt sicher Situationen,
in denen sie Regeln setzen muß oder diese mit den Kindern im Gespräch
entwickelt.
Soll
ich zu Hause auch das Spielzeug wegräumen?
Fragen sie Ihr Kind! Der
„Spielzeugfreie Kindergarten" ist ein Projekt, das für den pädagogisch
gesicherten Rahmen des Kindergarten entwickelt wurde. Manche Kinder wollen diese
Situation auch zu Hause herstellen, dann sollte dies ermöglicht werden. Für
andere Kinder wiederum sind Kindergarten und Elternhaus verschiedene
Lebenswelten, hier sollte die Situation des Kindergartens nicht künstlich übertragen
werden.
Können
die Kinder von zu Hause Spielzeug mitbringen?
Während der spielzeugfreien Zeit
sollten die Kinder kein vorgefertigtes Spielzeug von daheim mitbringen. Die
Kinder können aber Material und Werkzeug mitbringen. Auch diese Initiative
sollte von den Kindern und nicht den Erwachsenen ausgehen.

Kommt
die Schulförderung in dieser Zeit nicht zu kurz?
In
den Grundschulen werden keine fertig ausgebildeten Kinder erwartet, sondern
Kinder, die mit der für sie neuen Situation zurechtkommen. Im
„Spielzeugfreien Kindergarten" werden Fähigkeiten gefördert, die für
Schulkinder zumindest ebenso wichtig sind wie Fertigkeiten wie Schreiben, Lesen
usw. Spielen, vor allem freies Spielen, ist für Kinder Lernen und Förderung
von praktischen Fertigkeiten wie z.B. Feinmotorik und Konzentration. Das Projekt
fördert ebenso, wie in der wissenschaftlichen Begleitstudie bestätigt,
wichtige Kompetenzen wie:
- Die Fähigkeit, sich verständlich zu machen und andere zu
verstehen.
- Die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Stärken und
Schwächen anzunehmen und Verantwortung für das eigene Handeln zu
übernehmen.
- Die Fähigkeit, sich selbst eigene Aufgaben zu stellen, Probleme
wahrzunehmen
und selbst Lösungen zu entwickeln.
- Die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, sich Hilfe bei anderen zu holen,
gemeinsame Lösungen zu finden.
Ohne diese elementaren Fähigkeiten und eine altersgemäße soziale Kompetenz
kann ein Kind im Schulalltag nur schwer bestehen, auch für das weitere Leben
sind sie von entscheidender Bedeutung.
Was
ist, wenn es meinem Kind langweilig ist oder wenn es nicht mehr in den
Kindergarten gehen will?
Langeweile auch einmal auszuhalten, ist
durchaus im Sinne des Projektes. Kinder sollen ja lernen, aus der
Unzufriedenheit mit einer Situation heraus, Lösungen selbständig zu entwickeln
und nicht durch Ersatzangebote der Situation auszuweichen. Dies können Kinder
jedoch nicht lernen, wenn Erwachsene bei jedem Anzeichen von Langeweile bei
Kindern sofort mit Unterhaltungs- oder Spielangeboten eingreifen. Auch im späteren
Leben ist nicht immer jemand da, der uns sofort Frustrationen aus dem Wege räumt.
Muße, Lange-Weile, Nichts-Tun, Nicht-Funktionieren sind notwendige Pausen, nach
denen wir Erwachsene uns oft genug sehnen. Wir sollten unseren Kindern die
Gelegenheit geben, diese lebenswichtigen Bedürfnisse zu erfahren. Daß Kinder
einmal nicht in den Kindergarten gehen wollen, kommt nach unserer Erfahrung in
der spielzeugfreien Zeit nicht häufiger vor als im normalen Kindergartenalltag
auch. Sollte dies jedoch der Fall sein, ist es immer wichtig, daß Sie mit dem
Kind und den Erzieherinnen zusammen nach den Ursachen suchen, um gemeinsam eine
Lösung zu finden.
Ist das Projekt wissenschaftlich
abgesichert?
Ja. 1995/1996 wurde im Auftrag der
Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V. und finanziert durch das
Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und
Gesundheit eine wissenschaftliche Begleitstudie zum Projekt durchgeführt, deren
schriftliche Ergebnisse nun vorliegen. Das Erreichen der suchtpräventiven Ziele
der Lebenskompetenzförderung wurde durch die Studie bestätigt (siehe
Literaturangabe).
Was
machen die ErzieherInnen während des Projektes?
Die Arbeit im Kindergarten ist kein
leichter Beruf und für die ErzieherInnen sehr anstrengend. 25 und mehr Kinder
sowie ständig wechselnde Situationen und Anforderungen erfordern vielfältiges
pädagogisches Geschick und Wissen. Während der Projektphase ist von den
ErzieherInnen gefordert, sich selbst z.B. bei Spielangeboten und Problemlösungen
zurückzuhalten. Dies erfordert in wechselnden Situationen eine permanente
Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen, Grenzen und Verhaltensweisen
ebenso wie mit denen der Kinder. Selbstreflexion und Teamgespräche, das
Beobachten der Kinder, Elterngespräche und konzeptionelle Überlegungen benötigen
ebensoviel Kraft wie die Kinder, die ganz neue Anforderungen an die
ErzieherInnen stellen. Alle bisher am Projekt beteiligten ErzieherInnen haben
diese Zeit als überaus anregend und fruchtbar für ihre Arbeit, aber auch als
sehr anstrengend bewertet.

zurück zum Anfang der Seite
|